Vorträge & Workshops

Vortrag:  „Zum Fortleben sexueller Gewalt in aufgeklärten und linken Kreisen“
Aufgeklärte Kreise und linke Milieus gerieren sich gern als Gegenpol zu Phänomenen wie Rassismus, Sexismus, Homophobie oder Antisemitismus. Schilder in linken Läden lassen etwa verlauten, Sexismus werde hier schlicht nicht geduldet. Doch warum hält sich etwa sexuelle Gewalt so hartnäckig in diesen Kreisen? Davon zeugen nicht zuletzt die ständigen Auseinandersetzungen, die vor allem Frauen zum Beispiel mit ehemaligen Partnern führen müssen. Diese Konflikte bilden jedoch nur die Spitze des Eisbergs dessen, was in den Betten dieses „aufgeklärten Milieus“ vor sichgeht. So ist das Erleben von Mitgliedern linker Szenen stark geschlechtlich getrennt: während sich Männer frei heraus um wichtige politische Anliegen, Demos, Aktionen und Strategien kümmern können, befinden sich viele linke Frauen und Queers in einem ständigen Beziehungskampf um Anerkennung, begehbare Räumlichkeiten und um ein soziales Netzwerk, in dem sie sich einfach nur sicher aufhalten können. Diesen Kampf führen sie nicht selten sogar gegeneinander.
Der Widerspruch zwischen antisexistischem Selbstbild und sexistischer Lebenspraxis liegt auch an der massiven Unterschätzung der Tiefe, mit der sich sexistische Gesellschaftsstrukturen in Denken, Fühlen und Handeln von uns allen eingraben. Auch eine weitgehende Unaufgeklärtheit über psychologische Grundlagen stellt ein Hindernis dar, um von progressiver Selbstinszenierung zu einem Handeln fortzuschreiten, das sexistische Normalitäten wirklich transformieren kann. Diese Diagnose bezieht sich ausdrücklich auch auf den sich als feministisch wähnenden Teil der Szene: mit Konzepten wie einer „sexualisierten Gewalt“, in der man keinerlei Sexualität, jedoch ausschließlich männliches Machthandeln zu erkennen glaubt, werden realistische Gegenkonzepte verunmöglicht. Entweder, sexistisches Handeln gilt als dermaßen dämonisch, dass man seinen Freunden, Bekannten und sich selbst solche Vorwürfe nicht zumuten möchte – oder, grenzüberschreitende Personen werden als dermaßen dämonische Täter stigmatisiert, dass ihr angestrebter Ausschluss aus der Szene vorwiegend der Gesichtswahrung der „antisexistischen“ Kreise dient. So werden Betroffene faktisch allein gelassen und die Mitschuld der Szene an einem Sündenbock gesühnt, dem man sich mitsamt der eigenen Verantwortungpraktischerweise entledigen kann. Allein: in den meisten Fällen gelingt dieses Anliegen dann nicht ein mal, wodurch der Schaden für Betroffene umso größer wird und zu einem eklatanten Vertrauensverlust in soziale Beziehungen führt.
Im Vortrag sollen psychologische und soziologische Grundlagen hinter Phänomenen wie sexueller und sexualisierter Gewalt geschärft und die besondere Bedeutung von Männern herausgearbeitet werden. Es wird sich zeigen, dass die Widersprüche, die die DNA des Konzepts der Männlichkeitbilden, notwendig und immer wieder zu Angriffen auf Frauen, Trans, Schwule, Lesben, Nichtbinäre usw. führen müssen. Besonders perfide: derlei Angriffe werden oft nicht mal bewusst als solche geplant und durchgeführt, sondern ergeben sich unterhalb der Schwelle des Bewusstseins aus einer archaischen Normalität, der niemand von uns gänzlich zu entfliehen vermag. Im Vortrag wird darum für eine antisexistische Praxis plädiert, die Konsensualität füralle Lebensbereiche vorschreibt und gelingende Beziehungsarbeit und vorausschauende Verantwortung in Beziehungsnetzwerken gegenüber Awareness-und Unterstützer*innengruppen vorzieht. Das Bild des Täter-Dämons müsste dann ersetzt werden durch die Einsicht in die tiefe persönlicheVerstrickung, die wir alle mitbringen – als selber grenzüberschreitende Person einerseits und als sozialer Faktor andererseits, als der wir die Übernahme von Verantwortung hemmen und abwehren. Sei es, weil wir Täter schützen oder sei es, weil wir sie zur Hölle jagen wollen.

Vortrag: „Facebook ohne Gesichter – Das Social-Media-Netz der Salafistinnen“

Ein relevanter Teil der Neosalafist_innen der Bundesrepublik fiel durch Auswanderung in die Bürgerkriegsgebiete sowie durch viele Festnahmen gegen terroristische Zellen und Einzelpersonen für die Organisation der Szene aus. Mit gewisser Überraschung stellten dann der Verfassungsschutz NRW und die Öffentlichkeit fest, dass die Lücken der Szenearbeit verstärkt durch salafistische Frauen gefüllt worden sind. Dabei wussten Expert_innen bereits früher, dass hinter dem ultra-sexistischen Bild, das man sich von der salafistischen Szene nicht zuunrecht gemacht hatte, durchaus Frauen über die Rolle als Sexualpartnerinnen, Kindserzieherinnen und Haushalterinnen hinaus auch für den Zusammenhalt der Szene und die Weitergabe religiöser Indoktrination verantwortlich waren. In diesem scheinbaren Widerspruch ähnelt sich der Salafismus auffällig mit bekannteren Spielarten des deutschnationalen Rechtsradikalismus und Neonazismus. Dass beide ideologischen Strömungen darüber hinaus nicht nur oberflächlich Gemeinsamkeiten aufweisen, sondern in ihrer tieferliegenden Struktur zutiefst ähnliche Antworten auf ähnliche globale gesellschaftliche Entwicklungen darstellen, ist von kritischer Forschung vielfach gezeigt worden. Im Vortrag soll entlang dieser Idee eines Vergleichs mit der bekannteren Neonazisszene ein Blick in den weiblichen Teil der salafistischen Strukturen geworfen werden. Dabei orientiert sich das im Vortrag gezeigte insbesondere an den Facebook-Aktivitäten der Salafistinnen. Im sozialen Netzwerk wurden beispielsweise die beiden durch antifaschistische Intervention letztlich gescheiterten Versuche bei Köln und Hamburg, mit der Etablierung einer unverfänglichen „Halal-Messe“ Muslimas für den radikalen Salafismus anzuwerben, organisiert. Außerdem wirft der Vortrag einen Blick auf islamistische Wunderheilung und übernatürliche Psychospielchen, die für die Szene eine zentrale Rolle spielen und bei der die Grenzen, wer Opfer und wer Täter ist, stark verwischen. Diese in Saudi-Arabien höchst offiziell legitimierten und staatlich mitorganisierten Praktiken haben ihren Weg, wie der gesamte Neosalafismus, vor einigen Jahren insbesondere über Bücherübersetzungen, Massendruck und Exporte nach Europa und Deutschland gefunden. Den Aufgaben, Regeln und Beschränkungen weiblicher Salafistinnen widmen sich dabei mehrere Werke wie etwa der Band „Die ideale Muslima“, aus dem einige Auszüge gezeigt werden.


Vortrag: „Junge, was ist Rape Culture!“
Mitschnitt auf soundcloud

Der Fall Tuğçe Albayrak, Julian Assange im Exil der equadorianischen Botschaft in London oder der entfesstelte Debattenmob nach der Kölner Silvesternacht – was diese medialen Ereignisse miteinander verbindet, ist die allgemeine Unfähigkeit im Öffentlichen wie im Privaten, sich dem Problem der sexuellen Gewalt wirklich angemessen, ethisch und politisch, zu stellen. Die vielfältigen Abwehrmechanismen, mit denen nicht bloß Männer auf die Konfrontation mit der Kultur sexueller Dominanz reagieren, sind nicht nur eine alltägliche Herausforderung für antisexistische Bemühungen, sondern stellen mit der hinter ihnen steckenden Psychologie auch Schnittstellen dar, anhand derer die tiefe Verwobenheit der Geschlechterhierarchie mit anderen Feldern des Ideologischen nachempfunden werden kann. Als Ideologien stellen sie banalerweise sicher, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse bleiben wie sie sind – die ihnen anhängenden kulturellen Formationen jedoch sorgen täglich dafür, dass das Leben für viele Menschen mal mehr, mal weniger stark mit der Hölle auf Erden bedroht bleibt. Geschlecht, Rassismus oder Antisemitismus sind daher immer auch sexuell.

Im Vortrag soll anhand einiger jüngerer Beispiele dieser Zusammenhang näher beleuchtet und gezeigt werden, dass das Schlagwort „Rape Culture“ zu mehr taugt als zur Klage darüber, dass in Fällen sexueller Gewalt meist den Betroffenen die (Mit)Schuld gegeben wird. Wenn die Deutschen nach Köln ihre eigenen sexuellen Unzustände (noch mehr) auf maghrebinische Männer projizieren und die Gefahr der Konsequenzen für weiße Nahfeldtäter damit faktisch verringern, ist das nur ein Beispiel dafür, wie die intersektionale Intervention in den White Feminism sehr wohl gesellschaftliche Strukturen aufzudecken imstande ist, die sich ihrem Wesen nach tendenziell der Erkenntnis entziehen. Ohne dann bei Oberflächlichkeiten wie „Diskriminierung“ oder „Macht“ stehen bleiben zu müssen, kann verstanden werden, dass die Hartnäckigkeit des Sexismus auf einen gesellschaftlichen Ist-Zustand verweist, der ohne Geschlechterhierarchie in seiner Gänze undenkbar würde.


Tattoo-Workshop „Stick-n‘-Poke“
Ankündigung auf dem Queerfeministischen Sommerfest Bielefeld, 24.06.17

Im Workshop wollen wir euch Grundlagen im händischen Tätowieren mit einfachen Nadeln ohne elektrische Maschine zeigen. Nach einer kurzen technischen Einführung zu Farben, Nadeln, Infektionsgefahr & Hygiene, Rechtlichem usw. könnt ihr den Vorgang live beobachten: Mina tätowiert Jana einen abstrakten Uterus auf den Unterbauch. Dann gibt es sofort die Möglichkeit, mit unserem mitgebrachten Material und unserer Hilfestellung selber loszulegen. Zu Beginn eignen sich für euch ganz einfache Formen wie Punkte, Linien, leichte geometrische Figuren, Icons usw.. Ihr könnt auch selbst gestaltete Motive mitbringen oder vor Ort mit Stift und Papier Motive entwickeln. Um Voranmeldungen tätowierwilliger Paare wird gebeten (queerfem_fest@riseup.net), damit wir besser planen können – ihr könnt aber auch gern spontan vorbeikommen! Mit partieller Nacktheit der Teilnehmenden solltet ihr zurechtkommen. Gestochen wird in Ruhe und sichtgeschützt im Gruppenraum.
Der Workshop wird von Mina und Jana geleitet, die Tätowierungen vielfältiger Qualität (…) an ihren Körpern tragen und selber ohne Ausbildung losgestochen haben.