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Die Angst linker Frauen vor den Feministinnen (fb)

Im Mai vergangenen Jahres habe ich unter dem Titel »Die Angst vor den Feministinnen« eine Analyse darüber angestellt, wie unbewusste Ängste linke Männer Feministinnen unterschwellig hassen und bekämpfen lassen. Ausschließlich Männer für die Beibehaltung des patriarchalen Zustands verantwortlich zu machen, scheint sich jedoch nicht mit unseren Lebenserfahrungen zu decken. Eine Analyse der Rolle von Frauen im Patriarchat muss daher einen grundlegenden Widerspruch begreiflich machen: wie können Frauen an ihrer eigenen Unterdrückung partizipieren?

Die Antwort darauf lässt sich auch in Dynamiken linker Szenen finden. Linke Frauen konkurrieren hier miteinander um männliche Gunst, um sich partielle Vorteile gegenüber anderen Frauen zu verschaffen und so die Illusion zu erzeugen, aus eigener Kraft frei zu sein. Am Kampf darum, wer als »bessere« oder »eigentliche« Feministin gilt und wessen Feminismus als verrückt und extremistisch denunziert werden muss, beteiligen wir uns alle. Das liegt nicht an unserer individuellen Disziplinlosigkeit, sondern an den Sachzwängen, die eine geschlechterhierarchische Gesellschaft hervorbringt. Sie machen, dass nicht nur linke Männer Angst vor Feministinnen haben und sie bekämpfen. Auch linke Frauen sind von einer Angst vor radikaleren Feministinnen getrieben – erinnern sie sie doch an die eigenen, hässlichen Kompromisse mit dem Patriarchat und an Verletzungen, die sie vergessen müssen, um leben zu können.

Linke Frauen: Frauen und Menschen zugleich

Frauen befinden sich in unserer gegenwärtigen Kultur in einem fortwährenden Dilemma: Sie sollen weiblich sein, um attraktiv zu sein. Sind sie aber zu weiblich, also zu häuslich, abhängig, familiär, gefühlsbetont etc., sinken ihre Möglichkeiten, über ihr Dasein zu bestimmen: die Prinzipien des patriarchalen Alltags enteignen sie dann von ihrem eigenen Leben. Das zwingt Frauen zu einem ständigen Drahtseilakt, gleichzeitig »weiblich« und »männlich« zu sein, also autonom, durchsetzungsstark, meinungsfreudig und fähig, etwa in der beruflichen Welt zu navigieren. Diese »männlichen« Anteile jedoch bedrohen die heterosexuelle Attraktivität. Darum dürfen sie nicht als männlich gelten, sondern müssen als »menschlich« verallgemeinert werden. So kommt es, dass Frauen dazu verdammt sind, schimärenhafte Wesen zu sein: gleichzeitig partikular weiblich und allgemein menschlich.

»Männliche« Eigenschaften von Männern werden als solche unsichtbar, da sie deckungsgleich sind mit dem, was als allgemein menschlich gilt. Zu Menschen geadelt, müssen sich ihr Charakter, ihre Subjektivität und ihr Handeln nicht dafür rechtfertigen, geschlechtlich partikular zu sein. Sie werden zu einem impliziten Ideal menschlichen Daseins. Mit dem daraus resultierenden Selbstbewusstsein und dieser Selbstverständlichkeit treten auch linke Männer auf. Immerhin handelt es sich bei linker politischer Theorie immer um Versuche, das Partikulare zugunsten des Allgemeinen zurück zu drängen: Menschen sollen sich in Freiheit, als Menschen, begegnen können, nicht eingeteilt in Nationalitäten, Rassen, Klassen oder Geschlechter. So entsteht der Schein, dass die einzelnen linke Männer auf dem Weg zu einer höheren, besseren Weise des Daseins die Nase vorn haben. Frauen hingegen müssen fortwährend unter Beweis stellen, inwieweit sie bereit sind, ihren nur weiblichen, unfreien Anteil zu überwinden.

In linken Kreisen spitzt sich das Frauendilemma weiter zu: da es zum Ideal des aufgeklärten linken Mannes gehört, allzu weibliche Passivität nicht begehren zu sollen, um keine Unterdrücker zu sein, müssen linke Frauen diesem veränderten Attraktivitätsanspruch an sich genügen. Sie sollen linken Männern das Gefühl geben, nicht zuvorderst die Frau als geschlechtliches, unterlegenes Wesen, sondern den Menschen in ihnen, auf Augenhöhe, zu begehren. Die heterosexuelle Zurichtung produziert jedoch linke Männer, die freilich nach wie vor zunächst Männer sind. In ihnen herrscht ein Begehren vor, das sich weiterhin auf den absoluten Fetisch des Weiblichen bezieht: der Frauenkörper, die Frau als Körper, als Geschlecht.

Dieser Widerspruch ist von linken Männern allein nicht aufzulösen. Also müssen Frauen ihn für sie lösen. Sie entwickeln eine geschlechtliche Performance, die diese linken Männer mit positiven Gefühlen in einer Beziehung zu halten imstande ist. Hinsichtlich des Begehrens sollen diese Frauen also Frauen sein, ohne dadurch das Selbstbild der aufgeklärten Männer zu kontaminieren, der Frauen als Menschen liebt. Daher müssen Frauen die Frauenrolle »als Mensch« frei wählen. Es braucht also eine Ideologie, um unter patriarchalen Bedingungen männlicher Vorherrschaft mit Männern zusammen zu sein, die sich wünschen, nicht als Überlegene in eine Beziehung zu gehen, ohne diese spezifische Überlegenheit aufgeben zu wollen.

Die »Freiheit« des weiblichen Geschlechtsausdrucks

Die konkrete Ausgestaltung, in welchem Maß und Umfang Weiblichkeit vermeintlich frei gewählt wird, in welchen Facetten Frauen also als Mischwesen zwischen Frau und Mensch auftreten, eröffnet ein weites Feld der Geschlechterperformance der emanzipierten, linken Frau – und der Vorlieben linker, heterosexueller Männer. Es gibt Frauen, die in eher theoretisch orientierten Kreisen mit Kenntnissen über Marx und Adorno punkten können. Anderswo lässt sich Sexpositivismus, also die Betonung freier, enthusiastischer Bejahung sexueller Vergnügungen und weiblicher Lust, dazu einsetzen, diesen Anforderungen zu genügen. Linke Frauen tragen ihre Haare kurz – oder wieder »selbstbewusst« lang. Sie sehen in Baggypants klasse aus oder räkeln sich in Spitzenunterwäsche. Doch die Vielschichtigkeit und vermeintliche größere Freiheit im weiblichen Geschlechtsausdruck, die Feministinnen historisch erstritten haben, steht nach wie vor unter dem Sachzwang, Männern und der politischen, ökonomischen, sozialen und psychischen Macht gefallen zu müssen, die sie im Patriarchat nun mal inne haben.

Die Einzigartigkeit und Freiheit, die linke Frauen unter diesen kulturellen Koordinaten verfolgen und verkörpern sollen, um darin ihre Wahlfreiheit als Menschen zu dokumentieren, erhöht jedoch die Konkurrenz – und senkt ihren Preis. Im Gegensatz zu den Geschlechtsgenossinnen von vor einem halben Jahrhundert sind heute Frauen, insbesondere linke Frauen, wesentlich verfügbar: zwischen serieller Monogamie und Polyamorie treten sie aktiv und begehrend auf den Markt für Partner*innenschaft und Sex. Väter wachen viel weniger darüber, dass die Töchter es mit sexuellen Erfahrungen nicht übertreiben. Sex zieht, dank der Pille, in viel selteneren Fällen eine ungewollte Schwangerschaft nach sich. Und selbst dann bedeutet es noch lange nicht, dass eine Heirat zur Legitimierung des Nachwuchses folgen muss.

Das Dilemma linker Männer

Linke Männer sind in dem Dilemma, dass sie fürchten, was sie begehren: sich auf eine feministische Frau einzulassen mag die narzisstischen Wünsche, ein besserer, allgemeinerer Mann zu sein, erfüllen. Gleichzeitig bleiben feministische Frauen gefährlich, weil sie, in die Intimsphäre gelassen, die blinden Flecken, die Widersprüche zwischen propagiertem, profeministischem Selbstbild und gelebtem Umgang mit Frauen aufdecken. Linke Männer trauen sich aus guten Gründen selber kaum über den Weg, und darum wissen sie, dass eine Beziehung mit einer feministischen Frau die Gefahr in sich birgt, dieser Frau erhebliche moralische Macht über sich zu überlassen.

Feministische Frauen sind, in eingeschränktem Maße, mit anderen Frauen verbündet und können sich wehren, wenn ihre Partner in ihrer männlichen Vormachtstellung und Sozialisierung zu sehr über die Stränge schlagen. Wie in meinem Text »Die Angst vor den Feministinnen« (https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=907368393059062&id=100013577298296) näher ausgeführt, sind linke Männer daher eingenommen von der Furcht, dass sie von eben jenen Frauen, deren Nähe sie sich wünschen, bestraft werden. In der Konsequenz entwickeln sich darum, mehr oder weniger bewusst, vielfältigste Strategien, die gefürchtete Strafe abzuwenden, die Macht der linken Frauen zu schmälern. Sie halten das Bedrohungspotential gering und dadurch den lustvollen Zugang zu Frauen und ihren Körpern aufrecht. Ein wesentliches Mittel, mit dem linke Männer hier arbeiten, ist emotionale Unverfügbarkeit: sie verweigern Nähe und Verbindlichkeit, wenn das Spiel nicht den eigenen Spielregeln folgt. Darum wandelt sich im Übrigen die schöne Idee von freier Liebe und Polyamorie relativ bald in einen Alptraum, wenn heterosexuelle Männer sie für sich entdecken: Mit ihr lassen sich handfeste Herrschaftsinteressen als diskriminierte Begehrensstruktur ausgeben und decken.

Mission: Angstbesänftigung

Heterosexuell orientierte linke Frauen geraten darum in Konkurrenz, das richtige, ausgeklügelte Verhältnis zwischen diesen Anteilen der Weiblichkeit und der »Menschlichkeit« zu entwickeln, das bei linken Männern als sexuell attraktiv gilt und sie gleichzeitig zu Verbindlichkeit und Verantwortung in einer Beziehung bringt. Diese charakterliche Mischung muss, wie gesehen, die narzisstischen Bedürfnisse potentieller männlicher Partner befriedigen können. Linke Frauen geraten dadurch zunehmend in die Rolle, linken Männern ihre Angst vor Frauen nehmen zu müssen, wenn sie ihr eigenes Interesse nach einer verbindlichen Beziehung verfolgen wollen. Weil es angstbesänftigende Wirkung hat, in der eigenen Identität als »besserer« Mann gespiegelt zu werden, werden sich in diesem im Wesentlichen im Medium des Unbewussten stattfindenden Spiel recht bald Wege finden, wie linke Frauen ihre eigene, mitunter erbärmliche Lebensrealität ihrem Selbstideal anpassen: sie selber als emanzipierte Frau, ihr Freund als einer von den wenigen »Guten«. Wenn es auch ein Spiel mit dem Feuer bleibt, ist für linke Männer die Gesellschaft solcher Frauen mit feministischem Selbstbild der Ausweg aus einem beängstigenden Dilemma.

Für die Frauen wiederum stellt sich die Lage als Ausdruck ihrer Freiheit, als ihre geschlechtliche Partikularität überwindende Wahl dar. Sie sind ja gerade nicht dazu verdammt, passiv darauf zu warten, von einem Mann als Partnerin erwählt zu werden. Ganz umgekehrt haben sie aktiv an sich selbst und an ihrem Partner gearbeitet. Sie haben die Geheimnisse der Liebe entdeckt und zu beherrschen verstanden, um eigene Zwecke zu verfolgen. Doch was sie in ihrem Alltagserleben für ein beherrschbares Naturgesetz der Liebe halten, ist patriarchale Herrschaftsstrategie. So wird sicher gestellt, dass sich Frauen in einer Dynamik, in die sie als nicht gleichberechtigt eintreten, am Ende als frei wählend erleben. Es war dann das eigenes Streben, der freiheitliche Charakter, die Leistung, durch die einem unfairen Spiel das Patt der Gleichberechtigung abgerungen wurde – ein Patt, zu dem nichtlinke, nichtfeministische Frauen nicht in der Lage sind.

Nicht wie die anderen Mädchen sein

Linke Frauen müssen nämlich »not like the other girls« sein. Als Feministinnen müssen sie sich von anderen Mädchen und Frauen, zum Beispiel von ihren Klassenkameradinnen, abgrenzen. Während jene nämlich in der Partikularität einfacher Weiblichkeit verbleiben, streben linke Frauen zu höherem, zum Menschlichen. Umgekehrt haben die meisten linken Frauen dafür in den schulischen Peer Groups auch Abwertung und Ausgrenzung erfahren, sind als zu männlich wahrgenommen worden oder als geschlechtliches Neutrum. Es waren dann auch eher linke Jungs, mit denen sich etwa über politische Interessen reden ließ. Die linken Jungs wiederum haben gelernt, dass es zwei Sorten von Frauen gibt: die eher uninteressanten, unemanzipierten Klassenkameradinnen und die linken Mädchen, die sich plötzlich für die selben Dinge interessieren wie man selbst. Beide, linke Mädchen wie linke Jungs, lernen also, sich gegenüber den weit verbreiteten Formen von Weiblichkeit, ihrer Oberflächlichkeit und ihrem Tratsch überlegen zu fühlen.

Auf keinen Fall darf eine linke Frau darum jenes Überlegenheitsgefühl in linken Männern auslösen, das beide gegenüber konventionellen Weiblichkeiten empfinden. Denn auch hier gilt wieder: das, was als allgemein menschlich gilt, ist faktisch eine verdeckte Form des Männlichen, ein männliches Ideal. Linke Frauen müssen sich darum, um emanzipiert und feministisch zu sein, von normalen, zu weiblichen Frauen abgrenzen. Die Spielarten des Feminismus, die Mädchen und Frauen biographisch zunächst einleuchten, ermöglichen diese Absetzbewegung, weil sie über die Abwertung der weit verbreiteter Formen der Weiblichkeit, die angeblich nicht »emanzipiert«, nicht »tough« seien, funktionieren. Linke Frauen, die sich feministisch von konventionellen Weiblichkeitsbildern absetzen müssen, um dadurch ihre eigene Menschlichkeit zu gewinnen, finden sich dann unversehens in einem Bündnis mit linken Männern wieder, die diese Weiblichkeitsbilder jedoch schlicht nicht geil finden (oder finden dürfen), weil sie ja »linke« Männer sind. Beide treffen sich also in der Abwertung »normaler« Frauen, jedoch aus sehr unterschiedlichen Motiven.

Der Krieg um den besseren Feminismus

Häufig sind linke Kreise, neben verschiedenen theoretischen Fundierungen, an einer zentralen Linie gespalten. Ein Teil der linken Frauen kann sich in linken Organisationszusammenhängen und »Freiräumen« halten, ein anderer Teil fasst hier nach Abreibungen durch einflussreiche Szenemänner kaum noch Fuß. Häufig sind es Auseinandersetzungen um Belästigung und sexuelle Gewalt, die als Brandverstärker für diesen Prozess dienen. Bei diesen Konflikten werden Betroffene, die zu sehr darauf pochen, dass die antisexistischen Bekenntnisse der Szene auch eingehalten werden, irgendwann abgesägt. Ein Teil der linken Frauen beteiligt sich dabei an der Infragestellung derjenigen Frauen, die die Einlösung des antisexistischen Minimalkonsens einfordern. Diese Auseinandersetzungen folgen einem häufigen Muster: die antisexistische Moral wird im Prinzip bestätigt, der vorliegende Fall soll aufgrund besonderer Begleitumstände jedoch keiner sein, der diese Szenemoral betrifft. Tatsächlich ist der Sonderfall die Norm.

Linke Frauen, die sich daran beteiligen, tun dies nicht, wie wir gesehen haben, aus einer offenen Ablehnung feministischer Politiken heraus. Sie stützen jedoch linke Männer in ihrem ängstlich gehegten Verdacht, dass es Frauen gibt, die Feminismus missbrauchen, um ihrerseits Männer zu dominieren und fertig zu machen. Diese linken Frauen stehen, aus ihrer eigenen Verwicklung heraus, für einen pragmatischen Kompromiss zwischen einem häufig als streng, starr und problematisch wahrgenommenen, irgendwie dogmatischem Feminismus und einer praktischen Lebensrealität, in der jede*r individuell nach Lebensfreude, Selbstwirksamkeit und politischem Einfluss sucht. Das feministische Moment an dieser Art, das Leben anzugehen, bleibt die Abgrenzung zu den als zu weiblich und darum als machtlos und passiv wahrgenommenen, anderen Frauen, den früheren Klassenkameradinnen.

Gegen den »Missbrauch« des Feminismus durch »durchgeknallte«, irgendwie zu radikale Feministinnen setzen sie einen »besseren« oder »echten« Feminismus, der eben auch in der Lage ist, den Alltag mit linken Männern mit Augenmaß zu betrachten und dadurch einen lebbaren Frieden zu ermöglichen. Gegenüber Feministinnen, die den Konflikt suchen, erleben sie sich selbst als Wahrerinnen eines Friedens – denn nur im Frieden ist es Frauen möglich, das eigene Leben relativ frei zu wählen. Herrschen Krieg oder Krise, muss man sich in geschlechterpolitischen Fragen positionieren oder festlegen, müssen sich Frauen, die doch Menschen sein wollen, wieder als Frauen erleben.

Und das ist ja tatsächlich so: die gegenwärtige Pandemie produziert einen geschlechterpolitischen Rollback, wie es die Große Rezession von 2007 bis 2009 ebenfalls getan hat. Es stehen also handfeste materielle, aber auch narzisstische Bedürfnisse auf dem Spiel und die Frage danach, ob man sich dem eigenen Leben ausgeliefert fühlt oder nicht. Frauen sind im Patriarchat auf eine zwielichtige Art und Weise darin verwickelt, einen Laden am Laufen zu halten, der sie gegenüber Männern benachteiligt. Viele Frauen schwingen sich, ohne es zu merken, zu Wahrerinnen dieses Ladens auf, weil sie darin kurzfristig die Umsetzung ihrer eigenen Interessen erblicken. Ohne es so genau zu wissen, fürchten sie sich vor dem Crash des Ladens: sie ahnen, dass es ihnen dann selber an den Kragen geht.

Das führt zu einer unbewussten Allianz mit dem Patriarchat: die Aufrechterhaltung der Handlungsfähigkeit und Subjektivität, des psychischen Wohlbefindens und der sozialen Integration in linke Kreise werden gegen Zugeständnisse an die große Behäbigkeit männlicher Veränderungsbereitschaft getauscht. Weibliche Heterosexualität ist dabei ein wichtiger Faktor: diese linken Frauen haben wegen ihrer Intimbeziehungen durchaus eine begrenzte Einsicht in die Abgründe patriarchaler Männergewalt auch in linken Kreisen, brauchen aber einen modus vivendi, der sie an eine Beziehungszukunft mit einem Partner oder den Männern der Politgruppe glauben lässt. Um der Bestrafung durch das linke Patriarchat zu entgehen, tragen diese Frauen die ganze Last der Widersprüche lieber individuell auf ihren eigenen schmalen Schultern.

Man kann das unter anderem auch an der beeindruckenden Regelmäßigkeit beobachten, mit der linke Frauen ihre Partner vor Anschuldigungen von Misogynie oder sexueller Gewalt verteidigen, die von anderen linken Frauen kommen. Immer wieder spalten diese Anschuldigung Freundinnenschaften und Solidaritätsverhältnisse unter linken Frauen. Genossinnen, die sich gestern noch für eine Definitionsmacht bei sexueller Gewalt eingesetzt hatten, fallen schon morgen Freundinnen in den Rücken, die sie übertriebener Sexismus- und erfundener Vergewaltigungsvorwürfe bezichtigen, zumindest aber dem berühmten »Sie ist ja aber auch schwierig«. Ein realistisches Verhältnis zu Loyalität, Freund*innenschaft, solidarischer Kritik und auch Abgrenzung in solchen Auseinandersetzung um Misogynie und Gewalt ist jedenfalls weit und breit nicht zu finden.

Der Zusammenbruch, der aus den Schatten droht

Um den weichgewaschen-realistischen Feminismus und den hysterisch-radikalen Feminismus herrscht jedenfalls ein unendlicher Stellungskrieg. Linke Frauen beteiligen sich am Streuen von Gerüchten über zu radikale Feministinnen. Verdächtigen sie eine linke Frau einer Grenzüberschreitung, entwickeln sie jene ungeahnte Lust an umfassender Ausgrenzung und Bestrafung, der sie linke Männer auf keinen Fall ausgesetzt sehen wollen, die sie jedoch radikalen Feministinnen unterstellen. Der Krieg im sozialen Verhältnis innerhalb linker Frauen entspricht dabei der Spaltung, die Frauen unter patriarchalen Verhältnissen notwendig in ihrer Subjektivität selber entwickeln müssen. Denn so funktioniert Unterdrückung: sie vernichtet nicht die zur Unterdrückung vorgesehene Klasse an Menschen, sondern gleicht ihr Bewusstsein dem Unterdrückungsziel an. Sie verwickelt die Menschen in die Unterdrückung, macht sie zu Mitträgerinnen der Unterdrückungsfunktion und lockt sie mit Vorteilen gegenüber anderen Mitgliedern ihrer Klasse.

Diese Instrumentalisierung von Personen, die ihre eigenen Interessen verfolgen, indem sie ihren eigenen Interessen in den Rücken fallen, kann jedoch nie ganz aufgehen – natürlich nicht. Wie im psychischen Mechanismus der Spaltungsabwehr belagert das Abgespaltene, Unangenehme, Verdrängte, Erahnte, das Böse und Gefürchtete den Modus, mit dem das tägliche Leben bestreitbar ist. Ein anderes, bekanntes Beispiel dafür ist die Traumatisierung: um den Schrecken der Tat (oder des Unfalls) auszuhalten, löst der psychische Apparat die innere Einheit des Erlebens auf. Dadurch wird jedoch eine Erinnerung an die Tat geschaffen, die sich parallel zu unserem sonstigen, chronologischen Erinnerungsvermögen installiert. Sie sucht die Überlebenden zum Beispiel als verwirrender Flashback heim, in dem Gefühle, Gerüche und Bilder sowie körperliche Reaktionen wie Herzrasen, Schwitzen und Konzentrationsverlust ohne erkennbaren Grund und ohne Struktur miteinander verbunden sind. Die unwillkürlichen, beängstigenden Erinnerungen an die Tat bedrohen die Funktionsfähigkeit im eigenen Leben, weshalb Betroffene versuchen, sie zu kontrollieren, zu unterdrücken und fort zu schieben. Doch so verbleiben sie unheimlich und bedrohlich in einer Randexistenz, suchen regelmäßig das Leben heim und stiften allerlei Unheil. Diese Spaltung, die das Leben erschwert, ist jedoch Bedingung dafür gewesen, dass das Leben überhaupt weiter geht. Sie war eine Abwehr des drohenden Todes.

Radikale Feministinnen, die in ihrer ganzen Vielfalt, Widersprüchlichkeit und Verwicklung, egal, ob sie im Einzelfall Recht oder Unrecht haben, für eine kämpferische Form der konsequenten Behauptung weiblicher Interessen stehen, wirken in einer Unterdrückungskonstellation beängstigend. Sie sind die fortwährend drohende Erinnerung an die schlechten Kompromisse, die man selber eingegangen ist, um in einer Welt zu überleben, in der Frauen vergewaltigt, versklavt und ermordet werden. Sie stellen die Personifizierung der eigenen Betroffenheit dar – eine Betroffenheit, die das Selbstverständnis als freies, menschliches Wesen zutiefst bedroht und darum geleugnet werden muss. Im Abwehrkampf gegen den verrückten, zu radikalen Feminismus steht also nichts minderes auf dem Spiel als der eigene Überlebensmodus in einem existentiellen, psychischen Sinne.

An die Aufrechterhaltung des modus vivendi in der linken Szene ist die Befriedigung wichtiger psychischer Bedürfnisse nach seelischer Integrität, Subjektivität, Wirkmächtigkeit, Narzissmus, Liebe, Sexualität, Solidarität und Sozialität geknüpft. Dementsprechend spielt sich das Ausscheiden aus den etablierten linken Kreisen bei Betroffenen sexueller Gewalt und bei sich radikalisierenden Feministinnen fast immer als sozialer und psychischer Zusammenbruch ab. Diese drohende Konsequenz existiert in linken Frauen bereits als Ahnung. Dadurch werden aber einzelne radikale Feministinnen, die sich mit den gelebten faulen Kompromissen und der alltäglichen psychosexuellen Zwielichtigkeit in linken Gruppen und Räumen nicht abfinden wollen, zur wandelnden Erinnerung an diese Ahnung des eigenen Untergangs. Die negativen Anteile in linken Männern, also sexuelle Dominanz, das Kleinhalten von Frauen, Belästigung und sexuelle Gewalt, die ja durchaus immer wieder wahrgenommen, aber abgespalten oder verleugnet werden, drohen beständig, das Lebensmodell zunichte zu machen, in das sich linke Frauen einrichten müssen. Radikale Feministinnen legen, ohne das zu wollen, die Finger in Wunden, die wir vergessen, ungeschehen machen wollen. Die Bedrohlichkeit, die durch radikale Feministinnen verkörpert wird, liegt aber nicht in einer tatsächlichen Bedrohlichkeit ihres Charakters begründet, sondern in der prinzipiellen Prekarität linker weiblicher Subjektivität im Patriarchat.

Die Angst davor, selber die unentspannte, übertriebene Alte zu sein

Die »Übertreibung«, die »Schwierigkeit«, die radikalen Feministinnen von linken Frauen unterstellt wird, wird durch eine solche Analyse entschlüsselbar als die Angst, selber zu schwierig, zu treu zu sich selbst zu sein, um in patriarchalen Verhältnissen Liebe zu erhalten. Radikalere Feministinnen bieten sich darum als nur zu geeignete Projektionsfläche an, mit der man an anderen Menschen bekämpfen kann, was sich in der eigenen Persönlichkeit nicht integrieren lässt. Statt ein realistisches Bild von Männern in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit zu entwickeln und damit das eigene Leben zu gestalten, werden linke Männer in böse und gute Männer aufgespalten. Die eigenen Jungs sind dabei immer »die Guten«. Gegenüber den bösen Jungs, den linken Mackern, die am liebsten vorwiegend in anderen linken Lagern verortet werden, nur nicht im eigenen Nahbereich, können sich linke Frauen ganz explizit mit feministischer Militanz und Kraftmeierei aufspielen. Sie verkleben dann zur Reviermarkierung Aufkleber, auf denen eine vermummte Frau kastrierend mit einem Messer droht oder auf denen mit Baseballschlägern posiert wird. Hauen radikale Feministinnen den Genossen dann aber mal tatsächlich auf die Fresse, ist die Laune schnell im Keller.

Radikale Feministinnen sind die Erinnerung daran, dass man als Frau Frauen in den Rücken fällt. Dabei ist für diese Aufspaltung völlig unerheblich, wo tatsächlich die Grenze zwischen »besseren« und »übertriebenen« Feministinnen verläuft: weil sie eher eine Struktur des sich modernisierenden Patriarchats darstellt, die sich in unserer Psyche festschreibt, ist sie als Schablone auf alle möglichen Konflikte und Spannungen unter linken Frauen, unter FLINT, anwendbar. Das heißt: solche Konflikte finden unterhalb sozial isolierten Radikalfeministinnen genau so statt, wie sich auch die ehemaligen Klassenkameradinnen garantiert für moderne Frauen halten. Die spezifisch widersprüchliche Lage linker Frauen und Feministinnen, die einen Zustand patriarchaler Vorherrschaft transformieren, aber selber im Hier und Jetzt überleben können müssen, produziert diese Dynamik. Sie zeigt sich immer wieder als Angst: als Angst linker Frauen vor Feministinnen, die sie dazu veranlasst, diese Feministinnen zu bekämpfen, statt mit ihnen das Bündnis zu suchen.

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