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Die Angst vor den Feministinnen (Teil 1)

Linke Männer haben Angst vor Feministinnen – und wir müssen darüber reden. Auch diejenigen Männer, die es eigentlich ernst meinen mit Geschlechtergerechtigkeit, blockieren dadurch wichtige Veränderungen. Denn wer seine Ängste nicht anerkennt, nicht ausspricht und bearbeitet, wird sie dadurch nicht los. Vielmehr handelt er umso heftiger im Bann der Angst und bekämpft, was ihn fürchten lässt , ob er will oder nicht. Das sind in diesem Falle Frauen und eben jene Feministinnen, mit denen linke Männer eigentlich auf der gleichen Seite der Barrikade stehen, im selben Bett schlafen wollen.

Einen linken Mann, der Angst vor Feministinnen hat, erkennt man oft bereits daran, dass er einzelne von ihnen demonstrativ abfeiert: dafür, dass sie „not like the other girls“ sind, seiner Meinung nach nicht weich und verletzlich, eben richtig „auf die Fresse“ und immer gerade heraus. Im Gegensatz zu anderen Frauen, scheinen sie zu denken, verhalten diese Frauen sich endlich mal wie richtige Menschen. Es sind dann mitunter die selben Männer, die beinahe demonstrativ unterwürfig reagieren, wenn eine solche Feministin Kritik an ihnen äußert, statt an anderen Männern oder „dem Patriarchat“. Ein offenes Gespräch, einen konstruktiven Umgang mit der Verhaltensweise oder mit dahinter stehenden Gefühlen jedoch wird sie in dem Fall nicht erreichen. Demonstrative Unterwürfigkeit steigert sich, und das mag kontraintuitiv sein, in passiven Widerstand, unterschwellige Aggression und indirekten Boykott. Es ist die Angst vor der moralischen Macht von feministischen Frauen, die diese Männer so handeln lässt.

Die Alltagsbeobachtung, wonach gerade die Bewunderung der Bad-Ass-Feminists leicht kippen kann und die ich persönlich nur zu gut kenne, klingt erst ein mal paradox. Doch wenn man die Psychologie hinter derlei Umkehrungen nachvollzieht, hat man auch viel verstanden, was zwischen Frauen und Männern im Patriarchat insgesamt falsch läuft. Die banale Über- und Unterordnung der Geschlechter wird nämlich alltäglich mit komplizierten psychischen Abwehrmanövern und widersprüchlichen Gefühlen auf allen Seiten abgesichert.

Linke Männer wünschen sich mehrheitlich ein egalitäres soziales und politisches Umfeld, in dem die Geschlechter sich auf Augenhöhe begegnen, „entspannt“ miteinander sind und auch Liebe und Sexualität „frei von moralischen Urteilen“ gelebt werden können. Das kollidiert aber fundamental mit der herrschenden Ungleichheit der Geschlechter. Dafür individuell aufkommen, dass sich Männer, Frauen, Intersexuelle oder Nichtbinäre mit sehr ungleich verteilter Macht begegnen, möchte kaum einer von ihnen. Schließlich haben sie das Patriarchat ja auch nicht erfunden oder verursacht. Feministinnen problematisieren einen sozialen Normalzustand, der sich für linke Männer keineswegs bedrohlich anfühlt. Sie tun dies mit teils sehr drastischen Worten: So sollen etwa Vergewaltigungen innerhalb von Freundeskreisen stattfinden, die man sich doch gerade deshalb ausgesucht hatte, weil man es besser machen wollte als andere Männer, als die Jungs aus der Schule oder der eigene, schlechte Vater: ohne Gewalt, mit Gleichheit und Solidarität mit Schwächeren. Wie kann das sein?

Die Selbsteinschätzung dieser Männer zeigt ein diffuses Bild: Ja, kann schon sein, dass man in der Vergangenheit mal etwas „rabiater“ war mit einer Frau und ja, die frauenverachtenden Werbebanner auf Pornoseiten findet man selber auch nicht so gut. Aber im Prinzip hält sich jeder für einen guten Kerl, wenn auch gerade so. Immerhin sind andere Männer konsequent rabiat zu Frauen und für irgendwen sind diese Werbebanner ja schließlich gemacht. Dabei zeigt die sozialpsychologische Geschlechterforschung, wie weit verbreitet die enge Verknüpfung von Gewalt und Sexualität in Männern ist. Was für viele Frauen massive Konsequenzen für ihre Leben hat, fällt daher bei Männern oft unter eine gewisse Toleranz. Bei linken Männern ist das nicht anders.

Sie können darum auch schwerlich nachvollziehen, warum einige der Frauen aus den linken Kreisen, in denen man sich doch in Gleichheit begegnet, immer wieder hartnäckig Veränderungen einfordern. Da man sich in die linke Szene begeben hatte, um auf der moralisch und geschichtlich richtigen Seite zu stehen, ist schlicht nicht denkbar, wieso sich linke Männer ausgerechnet hier mit derlei Abgründen des Unmoralischen und der Gewalt in sich konfrontieren sollten. Das liegt auch immer wieder an einem mangelnden, unterkomplexen Verständnis von Politik, das dem der bürgerlichen Gesellschaft gar nicht so fern ist. So liegt es aus männlicher Sozialisation heraus nahe, „große“ Antworten auf die „großen“ Fragen wie Staat, Kapitalismus und Revolution finden und formulieren zu wollen. Das ganze Feld dessen, was als politisch gelten darf, erscheint in solche Fragen gebannt.

Andere, insbesondere Männer, diskutieren die Schein-Differenzen zwischen der SPD, der CDU und den Grünen. Weil ihr Maßstab nichts ist als die bürgerliche Gesellschaft des Hier und Jetzt, werden aus diesen Differenzen Unterschiede aufs Ganze. Demgegenüber erleben sich linke Männer solch lächerlichen Unterhaltungen überlegen, weil sie sich mit einem wesentlich größeren Maßstab ausgestattet sehen. Dieses Streben zu etwas viel allgemeinerem, größeren erlaubt es, sich als kritischer Geist mächtiger und mit mehr Kontrolle ausgestattet zu sehen. Gleichzeitig werden dadurch aber die alltäglichen, subtilen, zwischenmenschlichen Interaktionsformen aufs Neue in den Bereich des Privaten verbannt, sind also einem genuin politischen Denken erst ein mal entzogen. Bei einigen linken Männern ändert sich im Lauf der Zeit diese Unfähigkeit, bei den Meisten jedoch geht sie nie ganz weg. Geschlechtlichkeit bleibt dann ein Leben lang das, was Marxist*innen früher einen „Nebenwiderspruch“ genannt haben: sie tritt hinter die Revolution zurück.

Das führt zu einer scheinbar paradoxen Situation, die, oh Wunder, einen naheliegenden Ausweg kennt: wenn ich selber prinzipiell gut bin, aber von einer geschlechtlich und politisch identifizierbaren Gruppe beständig mit einem sehr negativen Bild von mir konfrontiert werde, fällt es leicht, das als Versuch von Manipulation und Unterdrückung auszudeuten. Denn klar ist, dass Schuld und Schuldgefühle Ansprüche stützen. Unberechtigte, überzogene Schuldvorwürfe und die daraus entstehenden Gefühle würden dann die Grundlage von Manipulation und Unterdrückung bilden, weil der Unterdrückte ungerechtfertigten Ansprüchen an sich nachkommen würde. Feministinnen schwingen sich in der Wahrnehmung vieler junger linker Männer zu neuen, kontrollierenden Müttern auf, wenn diese Männer gerade dabei sind, sich von ihrem eigenen Elternhaus abzunabeln und zu emanzipieren. Wo sich neue Tore der Autonomie, der Abgrenzung und des selbstbestimmten revolutionären Kampfes nach dem Schulabschluss und mit der ersten Zecken-WG auftun sollten, kreuzen Feministinnen in der Wahrnehmung dieser Männer aus dem Nichts auf und fordern von ihnen, ihr Zimmer aufzuräumen.

Männlichkeit konstituiert sich zu einem guten Anteil in der beständigen Abgrenzung von anderen, vermeintlich schlechteren Männern. Eine spezifisch linke Männlichkeit, die mit politischer Moral punkten will, ist daher gar nicht so grundverschieden zu anderen Männlichkeiten, die sich ihrer selbst ebenfalls immer durch den Blick auf andere Männer herab versichern. Wo sich Männlichkeiten für gewöhnlich an „Asis“, vermeintlichen Ausländern, Schwulen, Pädophilen, Gymnasiasten, Bürgersöhnchen, Weicheiern oder Mackern abarbeiten, halten sich linke Männer für besonders intellektuell, rebellisch, unabhängig, moralisch, feinfühlig oder kriegerisch. Dazu gehört das von den meisten abgetrotzte Lippenbekenntnis, irgendwie auch profeministisch oder wenigstens dafür zu sein, dass Frauen keine schlimme Gewalt widerfährt – von anderen, schlechten Männern.

Verbleiben Männer aber innerhalb dieses prinzipiellen Männlichkeitssystems, ändert sich auch an ihren Prägungen insbesondere hinsichtlich ihres Blicks auf Frauen und andere Männer nichts grundlegendes. Frauen sind nämlich im Spiel der männlichen Identitätsfindung keine geeigneten Identifikationsfiguren, weil ihre prinzipielle Unterlegenheit unter das männliche Geschlecht sie dazu nicht qualifiziert. Der Druck innerhalb der Männlichkeitshierarchien lastet auch auf Jungs, die später zu linken Männern werden. Von dieser Warte aus betrachtet, ist der Junge, der als Heranwachsender zu Gegendemos zu Naziaufmärschen fährt, um sich eine zünftige Prügelei mit Faschos zu suchen, noch der männlichere Mann als seine Klassenkameraden: während letztere nur ehrfürchtig staunen, wenn sie im Kino James Bond oder Luke Skywalker beim Kämpfen zusehen, setzen linke Männer diese Phantasie eines Kämpfers für die Gerechtigkeit in die Tat um. Das ist prinzipiell auch nicht schlecht – nur ist es auch nicht automatisch gut.

Dazu gehört, dass sich auch an der spezifisch männlichen, sexuellen Sozialisation nichts grundlegendes ändert, wenn aus Jungs linke Männer werden. Die giftige Melange aus Lust und Gewalt ist ein Phänomen, das sich über fast das gesamte männliche Geschlecht erstreckt – linke Männer bilden hier eben keine Ausnahme. Weil sie sich nicht prinzipiell in der Findung ihrer eigenen Identität von anderen Männern unterscheiden, während sie sich aber für grundlegend unterschieden halten, bleibt der Blick auf dieses sexuelle Spezifikum männlicher Geschlechtlichkeit weiterhin verdeckt. Gleichzeitig wissen linke Männer zumindest in Ansätzen von der Realität sexueller Gewalt und lehnen diese, wie übrigens die meisten Männer, vom Prinzip her ab. Das zeigt die empirische Forschung dazu ganz eindeutig. Der Haken liegt an den unendlich vielen, eher implizit funktionierenden Annahmen und Empfindungen zu Themen wie Sexualität, Weiblichkeit, den eigenen Körper, die eigenen Emotionen oder Lust. Auf Beziehungsebene werden linke Männer dann, weil sie mit linken Frauen Partner*innenschaften eingehen, mit der Behauptung konfrontiert, dass eben jene sexuelle Gewalt, von der sie sich selber abgrenzen, sowohl in den eigenen Freundeskreisen, als auch bei sich selbst fortexistieren soll. Was für linke Männer in dieser Situation infrage gestellt ist, ist also nichts minder als ihr Selbstverständnis in einem fundamentalen Sinne, der innere Zusammenhang ihrer Persönlichkeit.

Die Einsicht in die eigene Beteiligung am Patriarchat wird entsprechend abgewehrt und auch negative feedbacks von Beziehungspartnerinnen oder Freundinnen werden als Missverständnis, Anomalien, Ausnahme oder eben gleich als Ergebnis verkorkster weiblicher Sozialisation verbucht. Doch das feministischen Pochen auf Veränderung, das sich durch verschiedene Feministinnen auch noch unterschiedlich und in sich widersprüchlich artikuliert, verbleibt in ihrem Leben. Männer kriegen mit, wie es etwa für gute Freunde Konsequenzen setzt, wenn sie es sich mit der falschen Frauengruppe verscherzen. In ihnen wächst die ungute Ahnung, es bei denjenigen Frauen, denen das eigene sexuelle und romantische Interesse gilt, mit latenten Unterdrückerinnen und ungerechten Rächerinnen zu tun zu haben. Zu all den Zwickmühlen, in denen sich männliche Identität sowieso schon befindet, wenn sie einerseits in Abgrenzung zu Frauen autonom und unabhängig sein soll, andererseits aber gerade vom Frauenkörper als Objekt der Begierde abhängt, gesellt sich eine weitere Zwickmühle: linke Männer kriegen nur Sex und Liebe mit für sie interessanten, linken Frauen, wenn sie sich gleichzeitig auf besonders gefährliche, selbstbestimmte Frauen einlassen.

Sexuelle Lust, die in männlich dominierten Gesellschaften zutiefst mit Gewalttätigkeit verwickelt ist, mit Dominanz, Unterwerfung, Eroberung, Besitz und Benutzung, bekommt bei linken Männern dadurch noch eine intensivere, deutliche Nachprägung: die der Angst vor der Bestrafung. Linke Frauen sind schlicht wesentlich mächtiger als vereinzelte, nichtlinke Frauen ohne feministische Aufklärung und weibliche Solidarität. Die in der männlichen Identitätsentwicklung angelegten Überlegenheitsgefühle gegenüber Frauen werden also nicht nur durch die sexuelle Macht, die Frauen vermittels des erlaubten oder verbotenen Zugangs zu ihren Körpern vermeintlich haben, infrage gestellt. Linke Männer sind überdies mit Frauen im Sinne eines politischen Subjekts konfrontiert, die ihre elendige geschlechtliche Lage zu überwinden suchen und sich dazu mit anderen zusammenschließen. Linke Männer wollen also Frauen, die sich „nichts gefallen“ lassen – dummerweise sind sie es dann selbst, von denen sich die Frauen nichts mehr gefallen lassen wollen. Auf die patriarchale Verfehlung folgt also die Konsequenz.

Dadurch gewinnen linke Frauen eine unheimliche Macht, die qua Sozialisierung als Junge gar nicht vorgesehen war: sexuelle Macht vermittels ihrer Körper, politische Macht vermittels ihrer Organisation als Frauen, moralische Macht vermittels des Selbstbewusstseins ihrer objektiven gesellschaftlichen Lage. Das klassische Männlichkeitsdilemma, als Mann autonom sein zu sollen, als Begehrender jedoch vom weiblichen Gegenüber zutiefst abhängig zu sein, verschärft sich bei linken Männern: feministische Frauen generieren moralische Macht durch eben diese verzwickte Lage, in der sich linke Männer mit ihnen wiederfinden. Dadurch erleben sich diese Männer noch stärker als sonst ihres gewohnten Einflusses und ihrer Autonomie beraubt, die doch für sie als Mann reserviert gewesen waren. Sie wollten die großen Antworten auf die historisch drängende Revolution geben – und verheddern sich in scheinbar kleingeistigen Liebeskonflikten. Der Grund dafür sind die mit unheimlicher Macht ausgestatteten, feministischen Frauen.

Die Anerkennung dieser Macht der Frauen fällt alles andere als leicht und stellt frühkindliche Grundannahmen über den eigenen, geschlechtlich vermittelten Platz in der Welt infrage. Dass sie über diese unheimliche Macht zu unrecht verfügen, sie also irgendwie geklaut haben müssen, liegt in dieser Empfindungswelt nahe – das bedeutet, dass eine Anerkennung weiblicher Macht und ihrer Berechtigung scheitert. Die Konsequenz ist, dass weibliche Macht teils unbewusst in Form von Frauen, teils ganz bewusst in Form von Feministinnen bekämpft wird, jedoch ohne sich in der Rolle des Aggressors zu empfinden. Vielmehr nimmt dieser Kampf subjektiv die Form einer Selbstverteidigung, einer Notwehr an. Es ist ein paranoider Abwehrkampf, der für das gesamte männliche Geschlecht typisch ist, sich bei linken Männer jedoch unter dem Vorzeichen verschärfter Widersprüchlichkeit entwickelt – linke Männer stehen schließlich „gemeinsam“ mit linken Frauen an der Frontlinie des weiblichen Emanzipationskampfes und des Emanzipationskampfes der gesamten Menschheit.

Das Resultat aus dieser besonderen Lage, in der sich linke Männer wiederfinden, ist Angst. Die Anerkennung dieser Angst vor Frauen ist jedoch in der männlichen Geschlechtersozialisation nicht vorgesehen, weibliche Macht kann nicht anerkannt werden. Dadurch verschiebt sich die Angst ins Unbewusste, ohne jedoch ihre Wirkmächtigkeit zu verlieren. Von dort aus kann sie sich als ängstliche Verteidigungshaltung ausagieren, ohne dem männlichen Bewusstsein zugänglich zu sein. Linken Männern fällt ihre Paranoia gegenüber Frauen schlicht nicht auf, zumal sie einfach nicht ins linke, profeministische Selbstverständnis passt. Der paranoide Kampf gegen die vermeintliche Macht der Frauen ist jedoch Resultat der Nichtrealisierung patriarchaler, männlicher Vormacht. Was an Frauen bekämpft wird, ist am Ende das verzerrte Spiegelbild der eigenen Herrschaft über Frauen und die Angst davor, dass Frauen einem antun könnten, was man selber Frauen anzutun pflegt. Die Arbeit daran, sich die Angst vor Frauen und damit die Macht der Frauen einzugestehen und anzuerkennen, ist erfahrungsgemäß eine Arbeit von Jahren.

Im zweiten Teil möchte ich einige aggressiv-paranoide Varianten der Bekämpfung feministischer Frauen erklären. Sie reichen von der Aneignung feministischen Vokabulars zur Umkehr von Schuldgefällen bis hin zu gezieltem Geraune und Gerüchten über das vermeintlich (respektive: tatsächlich) selbst übergriffige Beziehungsleben und die Sexualität von Feministinnen, auch gegenüber anderen Frauen. Eine spezifische Form der intriganten Paranoia gegenüber Feministinnen sind die rechtsantideutschen Männerbünde und ihrer Querfront mit linken Männlichkeiten in den AZs.